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Hannah Arendt

Der christliche Papst

MERKUR Nr. 2/7, April 1966

CHRONIK

Bemerkungen zum „Geistlichen Tagebuch“ Johannes XXIII.⊃1;


Welch ein merkwürdiges enttäuschendes und merkwürdig faszinierendes Buch! Zum großen Teil während geistlicher Exerzitien geschrieben, besteht es aus endlos wiederholten frommen Ergüssen und Selbstermahnungen, „Gewissenserforschungen“ und Aufzeichnungen über „inneren Fortschritt“ mit nur ganz seltenen Hinweisen auf wirkliche Ereignisse, so dass es sich Seiten und Seiten lang liest wie ein elementarer Leitfaden über das Thema „wie man gut sein und das Böse vermeiden kann“. Und dennoch gelingt es ihm, auf seine eigene : merkwürdige und ungewohnte Art, eine klare Antwort auf Fragen zu geben, die viele Menschen vor nunmehr fast drei Jahren bewegten, als „Angelo Giuseppe Roncalli, der den Namen Johannes XXIII. angenommen hatte“, im Sterben lag. Ein römisches Zimmermädchen brachte sie mir damals ganz einfach und unmissverständlich zum Bewusstsein: „Gnädige Frau“, sagte sie, „dieser Papst war ein wirklicher Christ. Wie ist das möglich? Und wie konnte ein wirklicher Christ auf den Heiligen Stuhl zu sitzen kommen? Musste er denn nicht erst zum Bischof und Erzbischof und Kardinal ernannt werden, bevor er schließlich zum Papst gewählt wurde? Hatte denn keiner eine Ahnung, wer er war“?

Die Antwort auf die letzte ihrer drei Fragen kann wohl eindeutig mit „nein“ beantwortet werden. Er gehörte nicht zu den papabile, als er das Konklave betrat. Kein Gewand, das ihm gepasst hätte, war von den Vatikanschneidern vorbereitet worden. Er wurde gewählt, weil die Kardinäle sich nicht einigen konnten und überzeugt waren, wie er selber schrieb, dass er „ein provisorischer Übergangspapst sein würde“, ohne besondere Bedeutung. „Aber da bin ich nun“, fuhr er fort, „schon am Anbruch des vierten Jahres meines Pontifikats, mit einem ungeheuren Arbeitsprogramm vor mir, das unter den Blicken der ganzen Welt geleistet werden muss, die zusieht und wartet“. Das Erstaunliche ist nicht, dass er nicht unter den papabile war, sondern dass irgendwer ihn für eine Gestalt ohne Bedeutung hatte halten können.

Aber das ist nur im Rückblick erstaunlich. Die Kirche predigt zwar seit fast zweitausend Jahren die Imitatio Christi, und keiner vermag zu sagen, wie viele unbekannt gebliebene Gemeindepfarrer und Mönche in all den Jahrhunderten sich wie der junge Roncalli sagten: „Hier also ist mein Vorbild: Jesus Christus“, wobei er schon mit 18 Jahren genau wusste, dass „dem guten Jesus gleich zu sein“ nur bedeuten konnte, als „Verrückter behandelt“ zu werden: „Man sagt und glaubt, ich sei närrisch. Vielleicht bin ich´s auch, aber mein Stolz erlaubt mir nicht, so etwas zu glauben. Das ist das Komische an der Sache“. Aber die Kirche ist eine Institution und befasst sich, besonders seit der Gegenreformation, mehr mit der Aufrechterhaltung dogmatischer Glaubenssätze als mit schlichter Frömmigkeit. Sie öffnet die kirchliche Berufslaufbahn nicht leicht denen, die die Aufforderung: „Folge mir nach“ wörtlich nehmen. Nicht dass sie bewusst zurückschreckte vor den deutlich anarchistischen Elementen in einer unverwässerten, authentisch christlichen Lebensführung; sie glaubte einfach, dass „Leiden und verachtet sein für Christus und mit Christus“ falsche Politik ist.

Und gerade dies meinte Roncalli nicht. Er hat sein Leben lang diese Worte des Hl. Johannes vom Kreuz mit leidenschaftlicher Begeisterung zitiert. Von der Zeremonie der Bischofsweihe trug er „den klaren Eindruck der Ähnlichkeit… mit dem gekreuzigten Christus davon, um sich dann wieder und wieder zu beklagen, dass „ich bis jetzt zu wenig gelitten habe“. Er hoffte und erwartete, dass „der Herr mir Prüfungen besonders schmerzlicher Art schicken wird“, „irgendein großes Leiden und eine Betrübnis des Körpers und der Seele“. So hieß der den schmerzhaften Tod auch eine große „Betrübnis der Seele“, da das vorzeitige Ende ihn aus der geliebten Arbeit riss, aber zugleich -als Bestätigung seiner Berufung willkommen: das notwendige „Opfer“ für das große Unternehmen, das er unvollendet zurücklassen musste.

Vielleicht gab es eine Zeit, da man in der Kirchenhierarchie im Sine des Großinquisitors von Dostojewski dachte, in Luthers Worten, fürchtete, dass „die Welt um Gottes Willen immer wieder in Aufruhr versetzt wird, denn die Lehre Gottes will die ganze Erde ändern und neu beleben“, also Unordnung stiften „in dem Maß, in dem die Welt sich von ihr angehen lässt“. Solche Zeiten aber waren längst vorbei. Man hatte vergessen, dass „Sanftmut und Demut… nicht dasselbe sind wie Schwäche und Nachgiebigkeit“, wie Roncalli gelegentlich anmerkt. Diesen Unterschied hatte er seiner Umgebung schnell beigebracht, und war auch die Feindschaft gegen diesen einzigartigen Papst in gewissen Kreisen groß, so spricht es doch für die Kirche und die Hierarchie, dass sie nicht noch größer war, und dass er so viele der hohen Würdenträger, der Kirchenfürsten, für sich gewinnen konnte.

Gleich zu Beginn seines Pontifikats, vom Herbst 1958 an, hatte die ganze Welt und nicht nur die katholische um eben der Gründe willen auf ihn geblickt, die er selber anführt: erstens, weil er „einfach und unbefangen die Ehre und die Bürde annahm, nachdem er immer „höchst bedacht“ gewesen war, „…alles zu vermeiden, was die Aufmerksamkeit auf mich hätte lenken können“. Zweitens, weil er „fähig war, gewisse Ideen, die …ganz einfach, aber in ihrer Wirkung weitreichend und voller Verantwortung für die Zukunft waren, sofort zu verwirklichen“. Und wenn ihm auch, seinem eigenen Zeugnis zufolge, „der Gedanke eines ökumenischen Konzils, einer Diözesan-Synode und die Revision des Codex, des kanonischen Rechts…ohne jede vorherige Überlegung“ eingefallen war, ja sogar „in völligem Gegensatz zu (seinen) früheren Überlegungen zu diesem Thema“ stand, so erschienen diese Gedanken den Außenstehenden doch als die beinahe logische oder zumindest natürliche Wesensäußerung dieses Mannes und seiner erstaunlichen Glaubensstärke.

Jede Seite dieses Buches legt von diesem Glauben Zeugnis ab, und doch ist keine davon, und gewiss nicht alle zusammen, so überzeugend wie die zahllosen Geschichten und Anekdoten, die während der langen vier Tage seines Todeskampfes in Rom die Runde machten. Das war zu einer Zeit, da die Stadt wie gewöhnlich unter der Invasion von Touristen erzitterte, zu denen sich nun um dieses Sterbens willen, das früher als erwartet eintraf, noch Legionen von Seminaristen, Mönchen, Nonnen und Priestern aller Farben und Länder gesellten. Jeder, den man traf, vom Taxifahrer zum Schriftsteller und Redakteur, vom Kellner zum Kleinhändler, Gläubige und Ungläubige jeglicher Konfession, sie alle wussten eine Geschichte darüber zu erzählen, was er getan und gesagt, wie er sich bei dieser oder jener Gelegenheit verhalten habe. Einige von ihnen hat Kurt Klinger unter dem Titel „Ein Papst lacht“ (Scheffler Verlag, Frankfurt 1965) gesammelt, und andere sind in der anwachsenden Literatur über den „guten Papst Johannes“ veröffentlicht, alle mit dem nihil obstat und dem imprimatur versehen. Aber diese Art von Hagiographie hilft einem nur wenig, wenn man verstehen will, warum die ganze Welt ihre Blicke auf diesen Menschen richtete, denn sie vermeidet ängstlich, wahrscheinlich um „Ärgernis“ zu vermeiden, mitzuteilen, wie sehr die gewöhnlichen Maßstäbe der Welt, die der Kirche einbegriffen, den geistigen und praktischen Vorschriften widersprechen, die Jesus von Nazareth gelehrt hat. Mitten in unserem Jahrhundert hatte dieser Mann es fertig gebracht, alles was ihm je als Glaubensartikel angeboten worden war, wörtlich zu glauben, ohne alle symbolischen Fisematenten. Er wollte wirklich von der Welt „zermalmt, verschmäht, missachtet werden um der Liebe Christi willen“, und hatte darum sein Selbstbewusstsein und einen beträchtlichen Ehrgeiz in den langen Exerzitien nicht unterdrückt, aber doch so gebändigt und verwandelt, dass ihm schließlich „die Urteile der Welt, auch der kirchlichen Welt nichts“ mehr bedeuteten. Mit einundzwanzig sagte er sich bereits: „Auch wenn ich Papst würde, … müsste ich doch vor dem himmlischen Richter bestehen, und was wäre ich dann wert? Nicht viel“. Und am Ende seines Lebens konnte er im „Geistigen Testament für seine Familie“ zuversichtlich schreiben, dass „der Todesengel…mich, wie ich sicher erwarte, ins Paradies tragen wird“.

Die enorme Kraft dieses Glaubens war nirgends so offenbar, wie in den „Skandalen“, die sie unschuldig hervorrief. So sind denn die größten und gewagtesten Geschichten, die damals von Mund zu Mund gingen, nicht berichtet worden, und sie können, das versteht sich von selbst, nicht überprüft werden. Ich erinnere mich an einige und hoffe, dass sie authentisch sind. Aber selbst, wenn ihre Authentizität geleugnet werden sollte,, so wären sie doch, eben als Erfindungen, charakteristisch genug für den Menschen und dafür, wie man ihn sah, um sie zu erzählen. Die erste unanstößigste Geschichte steht im Einklang mit den nicht sehr zahlreichen Stellen im Tagebuch, die bezeugen, wie leicht es ihm fiel, nicht herablassend, sondern wirklich von gleich zu gleich mit Arbeitern und Bauern zu verkehren, also sich in einem Milieu zu bewegen, aus dem er zwar herkam, das er aber verlassen hatte, als er im Alter von elf Jahren im Priesterseminar von Bergamo Einlass fand. (Er erlebte seine erste direkte „Berührung“ mit der „Welt“, als er seinen Militärdienst ableistete, und fand sie „hässlich, schmutzig und widerlich“: „Werde ich mit den Teufeln in die Hölle geschickt werden? Ich weiß, was das Leben in der Kaserne ist –schon beim Gedanken daran schaudert mir“.) Die Geschichte berichtet, dass Installateure im Vatikan etwas reparierten. Der Papst hörte, wie einer von ihnen im Namen der Heiligen Familie fluchte. Er kam heraus und fragte höflich: „Muss das sein? Kannst Du nicht merde sagen, wie unsereiner auch“?

Meine drei nächsten Geschichten berühren viel ernstere Dinge. Im Tagebuch gibt es einige sehr einige Stellen, die von den ziemlich gespannten Beziehungen zwischen dem Bischof Roncalli und Rom sprechen. Die Schwierigkeiten fingen anscheinend 1925 an, als er zum apostolischen Visitator in Bulgarien ernannt wurde, was einer halben Verbannung gleich kam, in der man ihn zehn Jahre lang ließ. Er vergaß nie, wie unglücklich er da gewesen war. Fünfundzwanzig Jahre später spricht er noch von der „Eintönigkeit jener Tage, die eine einzige lange Folge von täglichen Nadelstichen und Verletzungen“ waren. Damals bemerkte er fast sofort „viele Plagen… (die) nicht von den Bulgaren,… sondern von den Zentralstellen der Kirchenverwaltung ausgehen. Dies ist eine Form der Demütigung und Erniedrigung, die ich nicht erwartet hatte und die mich tief verletzt“. Und schon 1925 fängt er an, diesen Konflikt mit Rom als sein „Kreuz“ zu bezeichnen. Im Jahre 1935 wurde das etwas besser, als er zur apostolischen Delegation in Istanbul versetzt wurde, wo er noch einmal zehn Jahre lang bleiben sollte, bis er 1944 seinen ersten wichtigen Posten als Apostolischer Nuntius in Paris erhielt. Aber auch in Istanbul bleibt er dabei, dass „der Unterschied zwischen meiner Art, die Lage an Ort und Stelle zu sehen, und gewissen Beurteilungen derselben Dinge in Rom mich beträchtlich verletzt; das ist mein einzig wirkliches Kreuz“.

Solche Klagen werden während der Jahre in Frankreich nicht laut. Allerdings nicht deshalb, weil er nun anders dachte. Er hatte sich, wie es scheint, lediglich an die offizielle Welt der kirchlichen Würdenträger gewöhnt. In dieser Stimmung bemerkt er 1948: „Mir ist immer noch jede Art von Misstrauen oder Unhöflichkeit gegen… das einfache Volk, die Armen oder gesellschaftlich Geringeren… vonseiten dieser meiner Kollegen, alles gute Kirchenmänner, unerträglich“, und „alle Neunmalklugen dieser Welt und alle Schlauen, auch die in der vatikanischen Diplomatie, machen eine armselige Figur im Lichte der Schlichtheit und Gnade, das …Jesus und seine Heiligen verbreiten“!

Im Hinblick auf sein Wirken in der Türkei, wo er während des Krieges in Berührung mit jüdischen Organisationen kam (und in einem Fall die türkische Regierung daran hinderte, einige hundert jüdischer Kinder, die aus dem nazibeherrschten Europa geflohen waren, nach Deutschland zurückzuschicken), erhob er einen der sehr seltenen Vorwürfe gegen sich selbst. Denn allen „Gewissenserforschungen“ zum Trotz, hatte er keinerlei Neigungen zur Selbstkritik. „Hätte ich nicht“, schrieb er, „mehr tun können, mehr tun sollen, mit entschlossenerer Anstrengung gegen die Neigungen meiner Natur angehen sollen? Hat nicht vielleicht dem Suche nach Ruhe und Frieden, die ich mehr im Einklang mit dem Geist des Herrn fand, eine gewisse Unlust zum Kämpfen maskiert“? Zu jener Zeit aber hat er sich nur einen Ausfall gestattet. Beim Ausbruch des Krieges mit Russland trat der deutsche Botschafter Franz von Papen an ihn heran und ersuchte ihn, seinen Einfluss in Rom für eine deutlich ausgesprochene Unterstützung Deutschlands vonseiten des Papstes geltend zu machen. „Und was soll ich über die Millionen Juden sagen, die ihre Landsleute in Polen und Deutschland ermorden“? Dies war 1941, als die Massenmorde eben begonnen hatten.

Dinge solcher Art werden in den folgenden Geschichten berührt. Und da, so viel ich weiß, keine der vorliegenden Biographien von Papst Johannes je den Konflikt mit Rom erwähnen, klänge selbst eine Leugnung ihrer Authentizität nicht völlig überzeugend. Da gibt es zunächst die Anekdote über seine Audienz mit Pius XII vor seiner Abreise nach Paris im Jahre 1944. Pius XII. leitete die Audienz damit ein, dass er seinem neuernannten Nuntius mitteilte, er habe nur sieben Minuten zur Verfügung, worauf Roncalli sich mit den Worten verabschiedete: „In diesem Fall sind die übrigen sechs Minuten überflüssig“. Zweitens ist da die köstliche Geschichte von dem jungen ausländischen Priester, der sich viel im Vatikan zu schaffen machte, darauf bedacht, auf die hohen Würdenträger einen guten Eindruck zu machen, um seine Karriere zu fördern. Der Papst soll zu ihm gesagt haben: „Mein lieber Sohn, mach mir doch nicht so viele Sorgen. Du kannst versichert sein, dass dich Jesus beim jüngsten Gericht nicht fragen wird: Und wie bist du mit dem Heiligen Offizium ausgekommen?“ Und schließlich erzählt man, dass man ihm in den Monaten vor seinem Tod Hochmuths „Stellvertreter“ zu lesen gab und ihn dann fragte, was man dagegen tun könne. Worauf er geantwortet haben soll: „Dagegen tun? Was kann man gegen die Wahrheit tun?“

So viel zu den Geschichten, die nie veröffentlicht wurden. Man findet noch genug in der Literatur über ihn, obwohl einige sonderbar verwandelt sind. (Der „mündlichen Tradition“ zufolge, falls wirklich diese die Quelle war, hat der Papst die erste jüdische Abordnung mit den Worten empfangen: „Ich bin euer Bruder Joseph“. Mit den Worten also, mit denen Joseph sich seinen Brüdern in Ägypten zu erkennen gab. Jetzt berichtet man, sie seien gesprochen worden, als er die Kardinäle zum ersten mal nach seiner Wahl empfing. Diese Version klingt, fürchte ich, plausibler. Aber während die erste von wirklicher Größe gewesen wäre, ist die letztere kaum mehr als sehr hübsch.) Alle Geschichten zeugen von der völligen Unabhängigkeit, die durch eine echte Loslösung von den Dingen dieser Welt entsteht; von der herrlichen Unbekümmertheit um Vorurteile und Konventionen, die sich oft in einem fast Voltaire´schen Witz und einer erstaunlichen Behendigkeit, den Spieß umzudrehen, manifestierte. So etwa, als er dagegen protestierte, dass man während seiner täglichen Spaziergänge die vatikanischen Gärten schloss, wobei man ihm sagte, es zieme seiner Stellung nicht, den Blicken gewöhnlicher Sterblicher ausgesetzt zu sein. Da fragte er: „Warum sollen mich die Leute denn nicht sehen? Ich benehme mich doch nicht unanständig“. Dieselbe witzige Geistesgegenwart, die die Franzosen esprit nennen, wird auch durch eine andere unveröffentlichte Geschichte bezeugt. Als er Apostolischer Nuntius in Frankreich war, wollte einer der Herren beim Bankett des Diplomatischen Korps ihn in Verlegenheit bringen und ließ die Fotografie einer nackten Frau herumgehen. Roncalli besah sich die Fotografie und gab sie Herrn N. mit der Bemerkung zurück: „Die Frau Gemahlin, nehme ich an“.

In seiner Jugend hatte es ihn gefreut, sich zu unterhalten, in der Küche herumzustehen und zu diskutieren, und er rügte an sich „eine natürliche Neigung für salomonische Urteile“, eine Vorliebe, „Hinz und Kunz darüber zu belehren…, wie man sich in gewissen Situationen zu verhalten hat“, sich in alle möglichen Angelegenheiten, „Zeitungen, Bischöfe, Tagesfragen“ einzumischen und „eine Lanze für all das zu brechen, was, wie ich glaubte, ungerechterweise angegriffen wird und für dessen Fürsprech ich mich ausersehen dünkte“. Sicher hat er gegen diese Eigenschaften eines primär politischen Temperaments angekämpft, und seine Umwelt scheint wenig von ihnen bemerkt zu haben. Nach der Wahl zum Papst jedenfalls brechen sie mächtig hervor. Nach einem langen Leben voller „Demütigungen“ und „Erniedrigungen“ (die er als sehr notwendig für die Heiligung seiner Seele erachtete), hatte er plötzlich die einzige Stellung in der katholischen Hierarchie erreicht, wo keine Stimme eines Vorgesetzten ihm den „Willen Gottes“ mehr mitteilen konnte.. Er wusste, so schreibt er im Tagebuch, dass er „diesen Dienst aus reiner Ergebenheit in den Willen des Herrn angenommen (hatte), der mir durch die Stimme des Kardinalskollegiums übermittelt wurde. Das heißt, er hat nie gemeint, dass die Kardinäle ihn gewählt hätten, sondern immer, dass „der Herr mich erwählte“. Eine Überzeugung, in der ihn seine Kenntnisse von den Umständen, die zu der Wahl geführt hatten, erheblich bestärken musste.

Eben deshalb, weil er wusste, dass es dabei, menschlich gesprochen, nicht mit rechten Dingen zugegangen war und das Ergebnis auf einem Missverständnis beruhte, konnte er dann, nicht als dogmatischen Gemeinplatz, sondern deutlich auf sich selber bezogen, schreiben: „Der Stellvertreter Christi weiß, was Christus von ihm will“. (Der Herausgeber des Tagebuchs, Papst Johannes´ früherer Sekretär Monsignore Loris Capovilla, erwähnt in seiner Einleitung, was vielen ein großes Ärgernis und den meisten ein Rätsel sein musste: „Seine ständige Demt vor Gott, und sein klares, so bestürzend klares Bewusstsein seines eigenen Wertes vor den Menschen“). Seiner selbst völlig sicher und niemandes Rat suchend, verfiel er dennoch nicht in den Fehler, sich eine Kenntnis der Zukunft oder der letzten Konsequenzen dessen, was ihm vorschwebte, anzumaßen. Er war immer zufrieden gewesen, „von Tag zu Tag zu leben“, ja, „von einer Stunde zur anderen“, wie die Lilien auf dem Felde. Und jetzt stellte er als „Grundregel des Verhaltens“ für seinen neuen Stand auf: „keine Sorge für die Zukunft zu tragen“, „keine menschlichen Verfügungen für sie“ zu treffen und sich zu hüten, „zuversichtlich und selbstverständlich darüber zu irgendwem zu sprechen“. Der Glaube und nicht Theorie, theologische oder politische, bewahrte ihn davor, „auf irgendeine Weise mit dem Bösen zu paktieren in der Hoffnung, dass er dadurch irgendeinem nützlich sein könnte“.

Diese völlige Freiheit von Ängsten und Sorgen war seine Form der Demut. Was ihn frei machte, war, dass er ohne gedanklichen oder gefühlsmäßigen Vorbehalt sagen konnte: „Dein Wille geschehe“. Es ist nicht leicht, im Tagebuch unter den vielen Schichten frommer Gemeinplätze, die in unseren Ohren, aber nie in seinen, leicht wie Phrasen klingen, diesen einfachen Grundakkord zu entdecken, auf den sein Leben gestimmt war. Noch weniger würden wir die lachende Unbekümmertheit erwarten, die sich wie eine Variation aus dieser Grundmelodie ergab. Was anderes aber als Demut predigte er, wenn er seinen Freunden erzählte, wie die neuen, ehrfurchtgebietenden Verantwortungen des Pontifikats ihn anfangs geängstigt und sogar nachts nicht hatten schlafen lassen, bis er eines Morgens zu sich sagte: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig“! -und von da an immer gut schlief.

Es glaube aber keiner, dass es Demut war, was es ihm so leicht machte, mit jedem umzugehen und sich gleicherweise wohl zu fühlen in der Gesellschaft von Sträflingen, „Sündern“, den Arbeitern in seinem Garten, den Nonnen in seiner Küche, Mrs. Kennedy und Chruschtschows Tochter und Schwiegersohn. Es war viel eher seine enorme Selbstsicherheit, die es ihm ermöglichte, jeden, hoch oder gering, als seinesgleichen zu behandeln. Und er ging recht weit, um diese Gleichstellung da herzustellen, wo sie sich nicht von selbst eistellen konnte. So sprach er etwa die Einbrecher und Mörder im Gefängnis mit „Söhne und Brüder“ an. Und um zu beweisen, dass dies keine leere Floskel sei, erzählte er ihnen, wie er als Kind einen Apfel gestohlen hatte, ohne ertappt zu werden, und wie einer seiner Brüder beim Wildern aufgegriffen worden war. Und als man ihn „zu dem Zellenbock (führte) , wo die Unverbesserlichen eingesperrt waren“, befahl er plötzlich „im Kommandoton: `Macht die Tore auf! Trennt sie nicht von mir! Sie sind alle Kinder unseres Herrn´“.

Gewiss, all dies ist nichts weiter als rechtgläubige, traditionelle christliche Lehre, aber es war lange nur Lehre geblieben, und nicht einmal Rerum Novarum, die Enzyklika

Leos XIII., „des großen Papstes des arbeitenden Volkes“, hatte den Vatikan daran gehindert, seinen Angestellten Hungerlöhne zu zahlen. Die beunruhigende Gewohnheit des neuen Papstes, mit allen zu sprechen, ließ ihn sofort auf diesen Skandal aufmerksam werden. „Wie sieht es bei dir aus?“, fragte er einen seiner Arbeiter. „Schlecht, schlecht, Euer Eminenz“, sagte der Mann und teilte ihm mit, was er verdiente und wie viele hungrige Mägen er zu füttern habe. „Da müssen wir also etwas tun. Denn ganz unter uns: ich bin nicht `Eure Eminenz´. Ich bin der Papst“, womit er sagen wollte: Lass die Titel weg, hier habe ich das Sagen. Ich kann die Dinge ändern. Als man ihm später sagte, den neuen Ausgeben könne man nur durch Verringerung der Mildtätigkeit begegnen, blieb er ungerührt: „Dann müssen wir sie eben verringern. Denn Gerechtigkeit geht vor Mildtätigkeit⊃2;“.

Das Ergötzlichen an diesen Geschichten ist die beharrliche Weigerung, sich der allgemeinen Annahme zu beugen, „dass auch die Umgangssprache des Papstes voller Geheimnis und Ehrfurchtsschauer sein müsse“, was Papst Johannes als klaren Widerspruch zu „dem Beispiel Jesu“ empfand. Und es geht einem wirklich das Herz auf, wenn man hört, dass es ganz im Einklang mit Jesu „Beispiel“ war, die höchst umstrittene Audienz mit Vertretern des kommunistischen Russland mit dieser Ankündigung zu beschließen: „Und nun ist, mit Ihrer Erlaubnis, die Zeit für einen kleinen Segen gekommen. So ein kleiner Segen kann doch schließlich nicht schaden. Nehmen Sie ihn so auf, die er gemeint ist“.

Die Einfalt dieses Glaubens, von keinem Zweifel verwirrt, von keiner Erfahrung erschüttert, von keinem Fanatismus -„der auch bei unschuldiger Absicht immer schädlich ist“- verzerrt, ist großartig als Tat und lebendiges Wort, aber auf der gedruckten Seite eintönig und lahm, ein toter Buchstabe. Das gilt sogar für die wenigen Briefe, die dieser Ausgabe beigegeben sind, und die einzige Ausnahme ist das „Geistige Testament für die Familie Roncalli“, in dem er seinen Brüdern und ihren Kindern und Brüdern erklärt, warum er sich gegen allen Brauch geweigert habe, ihnen Titel zu verleihen, warum er sie auch jetzt noch, wie früher „in der anständigen und zufriedenen Armut“ belasse, in der er „ihnen manchmal ausgeholfen hatte, wie arme Leute einander helfen“, warum er nie „um irgendetwas,

-Stellung, Geld oder Gefälligkeiten- weder für mich selbst noch für meine Verwandten und Freunde“ gebeten habe. Denn „arm geboren… macht es mich besonders glücklich, arm zu sterben, da ich alles, was mir in den Jahren meines Priestertums und Episkopats in die Hände kam -und das war sehr wenig- weggegeben habe“. Diese Stellen klingen ein bisschen nach Entschuldigung, als ob er wüsste, dass die Armut seiner Familie nicht ganz so „zufrieden“ war, wie er behauptete. Viel früher hatte er notiert, dass die dauernden „Sorgen und Leiden“, die sie heimsuchten, „ihnen an scheinend nicht zum Guten gereichten, sondern ihnen eher schadeten“, und dies ist eines der wenigen Beispiele, wo man zumindest ahnen kann, aus welchen Erfahrungen er vorzog, keine Konsequenzen zu ziehen. Ebenso wie man hier den ungeheuren Stolz des armen Jungen erraten kann, der sein ganzes Leben lang betonen sollte, dass er nie jemanden um eine besondere Gunst gebeten habe, und den der Gedanke tröstete, dass ihm alles, was er empfing, von Gott verliehen war. („Wer ist ärmer als ich? Seit ich auf dem Seminar war, habe ich nie andere Kleider getragen, als die mir aus Wohltätigkeit geschenkt worden waren“). So wurde ihm seine Armut zu einem deutlichen Zeichen für seine Berufung: „Ich bin von derselben Familie wie Christus, was kann ich da noch wollen“?

Generationen moderner Intellektueller haben, soweit sie nicht Atheisten waren, d.h. zu wissen vorgaben, was sie nicht wissen konnten, von Kierkegard, Dostojewski, Nietzsche und ihren zahllosen Anhängern innerhalb und außerhalb des existentiellen Lagers gelernt, Religion und theologische Fragen „interessant“ zu finden. Sie werden es ohne Zweifel schwer haben, einen Menschen zu verstehen, einen Menschen zu verstehen, der in frühester Jugend

nicht nur der „materiellen Armut“, sondern auch „der Armut im Geiste Treue geschworen hatte“. Was oder wer Papst Johannes XXIII auch war, er war weder interessant noch brillant, und dies auch ganz abgesehen davon, dass er ein ziemlich mittelmäßiger Student und in seinem späteren Leben ohne irgendwelchen besonderen intellektuellen oder gelehrten Interessen war. (Außer Zeitungen, die er liebte, scheint er fast keine weltlichen Schriften gelesen zu haben). Wenn ein kleiner Junge sich wie Aljoscha sagt: „Es steht geschrieben: ´wenn du vollkommen sein willst, verteile dein Gut und folge mir nach`…, dann kann ich doch nicht an Stelle meines ganzen Gutes nur zwei Rubel geben, und anstatt des `folge mir nach´ zur Frühmesse gehen“. Und wenn der Erwachsene sich immer wieder fragt: „Mache ich Fortschritte?“, sich Termine setzt und mit gewissenhafter Sorgfalt notiert, wie weit er gekommen ist -wobei er sehr sanft mit sich verfährt, darauf bedacht, sich nicht zu viel vorzunehmen und gegen seine Fehler „einen nach dem andern“ und nicht gegen alle zusammen anzugehen, so dass er nie in Verzweiflung gerät- dann ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass das Ergebnis von besonderem „Interesse“ ist. Ein Terminkalender für Vollkommenheit ist so wenig Ersatz für Begebenheiten –was kann man da erzählen, wo es „Versuchung und Versagen nie, nie“, weder „Todsünden und lässliche Sünden“ je gab?-, dass sogar die wenigen Beispiele intellektueller Entwicklung im Tagebuch merkwürdig unbeachtet von seinem Autor blieben, der es wieder durchlas und während seiner letzten Lebensmonate zur posthumen Veröffentlichung vorbereitete. Er berichtet nie, wann er aufhörte, in Protestanten „arme Unglückliche außerhalb der Kirche“ zu sehen und zu der Überzeugung gelangte, dass „alle, ob getauft oder nicht, Jesus rechtmäßig gehören“. Noch war es ihm bewusst, wie sonderbar es war, dass er, der in „Herz und Seele eine Liebe zu den Regeln, Vorschriften und Verfügungen“ der Kirche fühlte, „zum ersten mal in tausend Jahren den Messkanon veränderte“, wie Alden Hatch sagt, und überhaupt seine ganze Kraft sofort daran wandte, „zurechtzurücken, zu reformieren und… in allem Verbesserungen durchzuführen“, ganz sicher, dass sein ökumenisches Konzil „eine wirkliche und neue Epiphanie sein wird“.

Es war ohne Zweifel diese „Armut im Geiste“, die ihn „vor Ängsten und lästigen Konflikten“ bewahrte und ihm die „Kraft zu dem Wagemut des Einfachen“ gab. Sie enthält auch die Antwort auf die Frage, wie es geschehen konnte, dass der wagemutigste Mann gewählt wurde, als man einen bequemen und nachgiebigen haben wollte. Es war ihm gelungen, „unbekannt und wenig geachtet zu sein“, wie es Thomas à Kempis Nachfolge Christi, eines seiner Lieblingsbücher, empfiehlt. -Worte, die er schon 1905 zu seinem Motto gewählt hatte. Viele hielten ihn vermutlich für eher dumm -schließlich lebte er ja unter Intellektuellen-, nicht für einfach, sondern für einfältig. Und es ist unwahrscheinlich, dass diejenigen, die Jahrzehnte lang beobachtet hatten, wie er wirklich „nie irgendeine Versuchung zum Ungehorsam verspürt“ hatte, den ungeheuren Stolz und die Selbstsicherheit dieses Mannes verstehen konnten, der keinen Augenblick sein eigenes Urteil aufgab, wenn er dem gehorchte, was für ihn nicht der Wille seiner Vorgesetzten, sondern der Wille Gottes war. Sein Glaube war: „Dein Wille geschehe“, und es ist wahr, obgleich er es selber sagt, dass dieser Glaube „ganz im Sinne der Evangelien“ war. Und wahr auch, dass er „allgemeine Achtung verlangte und erfuhr und viele erbaute“. Dieser selbe Glaube gab ihm sein größtes Wort ein, als er im Sterben lag: „Jeder Tag ist ein guter Tag, geboren zu werden. Und jeder Tag ist ein guter Tag zu sterben“.

⊃1; Die deutsche Ausgabe erschien im Herder-Verlag, 1964. Hannah Arendt zitiert nach der englischen Ausgabe des „Giornale dell´Anima“ (Journal of a Soul), nach der auch übersetzt wurde.

⊃2; vgl. Alden Hatch: A man named John, Image Books 1965





Hannah Arendt