Impressum Kontakt Links

Kirchenväter Lateinamerikas

Lateinamerikas Kirchenväter

José Comblin

Im Altertum hat man den Titel „Vater” den Meistern verliehen. Paulus nimmt für sich diese Bezeichnung in Anspruch: „Hättet ihr nämlich auch ungezählte Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden.” (1 Kor 4,15)
In manchen Regionen wurde dieser Titel bestimmten Bischöfen zugedacht. In der Tradition blieb für einige die Bezeichnung erhalten. Es gab nie eine offizielle Liste. Im Westen erfuhren seit Papst Bonifaz VIII. vier herausragende Väter als
solche Anerkennung: Augustinus von Hippo, Ambrosius von Mailand, Hieronymus und Gregor. Im Osten werden drei unter der Bezeichnung „Vater” der Kirche verehrt: Basilius, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos. Die Vertreter der lateinischen Tradition wollten noch Athanasius hinzufügen. Doch bei all diesen handelt es sich lediglich um die größten.
Durch welche Eigenschaften zeichnen sich Kirchenväter aus? Erstens durch die Heiligkeit des Lebens; bei den Genannten liegt diese Eigenschaft mehr als deutlich zutage. Zweitens durch die Rechtgläubigkeit in Fragen der Glaubenslehre; alle waren in dieser Hinsicht ein Licht, das das Volk durch ein tiefes Verständnis der Heiligen Schrift erleuchtete. An dritter Stelle ist das Verstehen der Zeichen
der Zeit zu nennen, das es ihnen ermöglichte, die Kirche mit Orientierungen auszustatten, die jahrhundertelang ihren Wert behielten. Die vierte Voraussetzung ist, dass sie vom Volk Gottes Anerkennung und Zustimmung erfahren.
Die genannten Bischöfe hatten ein Gespür für die Herausforderungen, die Versuchungen und die spezifischen Anforderungen der bereits im Verfall begriffenen römischen Welt, in der sie sich vorfanden. Diese Welt hatte sich offiziell das Christentum zu eigen gemacht und tendierte dazu, es seinen politischen Bedürfnissen unterzuordnen. Sie waren keine Theologen, aber sie verstanden die
Zeichen der Zeit und legten die richtige christliche Marschroute in ihrer jeweiligen Welt fest. Nicht immer folgte man ihnen, meistens wurden sie verraten, doch ihr Leben blieb ein Orientierungspunkt innerhalb der Welt, in der sie lebten. Und auch für andere Kulturen, andere menschliche Welten hatte dieser Orientierungspunkt Bestand. Die Kirchenväter waren die eigentlichen Begründer der Kirche innerhalb der römischen Welt und der darauffolgenden Kulturen.
Im Lauf des 20. Jahrhunderts traten auch in Lateinamerika mehrere Bischöfe auf den Plan, die die Bezeichnung Kirchenväter verdienen, denn sie legten die Wege fest, die die Kirche auf dem Kontinent beschreiten sollte. In Lateinamerika war die Kirche seit der Conquista präsent, doch fünfhundert Jahre lang war sie ohne eine eigene Orientierung. Sie war gleichsam ein Ableger der europäischen Kirche, die in hohem Maß durch die Kolonialherrschaft korrumpiert war.
Im 16. Jahrhundert gab es heldenhafte Missionare, Heilige, die das Vorhaben verfolgten, auf dem amerikanischen Kontinent eine erneuerte Kirche zu schaffen, frei von den korrumpierenden Abhängigkeiten der europäischen Christenheit. Sie brachten hervorragende Werke hervor, deren Grundlage eine tiefe Kenntnis der amerikanischen Völker und eine überströmende Liebe war. Doch sie waren nicht von Dauer und Bestand. Ohne es zu wollen, erstickte das Konzil von Trient diesen Neuanfang der Kirche im Keim, als sie die Angehörigen der missionierenden Ordensgemeinschaften dazu verpflichtete, in ihre Klöster zurückzukehren und
die Evangelisierung der indigenen Völker den Bischöfen und dem Weltklerus im Rahmen der Territorialstrukturen der Diözesen und Pfarreien zu überlassen. Die einheimische Bevölkerung wurde verlassen, und die Träume der ersten Missionare – in erster Linie Dominikaner und Franziskaner – zerplatzten. Eine Kolonialkirche im Dienst der Kolonisatoren etablierte sich.
Die politische Unabhängigkeit des Kontinents brachte keinen radikalen Wandel der Strukturen und Verhaltensweisen der Kolonialkirche mit sich. Der Klerus war nicht länger von den Königen und der Kolonialgesellschaft abhängig, doch er
geriet in die Abhängigkeit der Großgrundbesitzer, die nun anstelle der Könige die lateinamerikanische Bevölkerung beherrschten, ohne dass sich an der Lage der einheimischen Bevölkerung oder der Sklaven irgendetwas geändert hätte.
Mit der Unabhängigkeit hielten Elemente der liberalen Kultur Europas Einzug, und die Kirche verteidigte das, was ihr von den Privilegien der Kolonialzeit noch geblieben war, gegen die liberalen Bewegungen, welche sich in den Regierungen
zu behaupten versuchten. Der mit den Großgrundbesitzern im Bund stehende Klerus gründete konservative Parteien, deren Aufgabe darin bestand, den Aufstieg der liberalen Bewegungen zu verhindern. Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Kampfes zwischen Konservativen und Liberalen, genauso wie im Norden Europas. In gewissem Sinne kann man sagen, dass diese Situation bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein fortbestand. Anfangs wollte Rom die Unabhängigkeit der Nationalstaaten, die aus dem Zerfall der Kolonialreiche hervorgingen, nicht anerkennen, doch seit Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wollte es die Rolle einnehmen, die vormals die Könige innehatten. Rom wollte eine lückenlose Kontrolle über die lateinamerikanischen Kirchen ausüben. Dies war die Zeit der Romanisierung, die ein Jahrhundert andauern sollte, etwa von 1850 bis 1950. Viele europäische und nordamerikanische Ordensgemeinschaften gingen nach Lateinamerika und importierten den in sich erstarrten und einer totalen Disziplin unterworfenen römischen Katholizismus. Im Jahr 1899 definierte das in Rom stattfindende lateinamerikanische Plenarkonzil in aller Schärfe die Grundlinien, die ganz Lateinamerika auferlegt wurden. Die Kirche sollte das getreue Abbild der europäischen Kirchen bis ins kleinste, unbedeutendste Detail sein.
Dies alles schuf ein bestimmtes Klima und eine Sensibilisierung. Wir kommen nun zu den darauffolgenden Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg, in denen Lateinamerika politisch und ökonomisch erwachte. Es bildeten sich neue gesellschaftliche Führungsstrukturen heraus. Der Beginn der Industrialisierung ließ eine neue herrschende Klasse entstehen, die eine Konkurrenz zu den Großgrundbesitzern bildete. In diesem Kontext erlebte auch die Kirche eine Zeit des Erwachens.
Einige Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien entdeckten eine bis dahin unbekannte lateinamerikanische Realität und lösten die Verbindung zu den konservativen Parteien. Dies ging nicht ohne Konflikte ab. Doch den Konservativen gelang es nicht, die neuen Stimmen zum Schweigen zu bringen, nicht einmal mit häufiger Unterstützung der römischen Kurie.
Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Lage der abhängigen Länder und der Kolonien. Die Gründung der Vereinten Nationen verlieh den Abhängigen eine Stimme. In Lateinamerika entstand ein neues Bewusstsein: Nationalismus, die eigene Kultur, gleiche Ansprüche wie die am höchsten entwickelten Länder zeichneten es aus.
In der Kirche hatte es Vorläufer dessen gegeben. Unter ihnen ragt die Gestalt des Jesuitenpaters Alberto Hurtado heraus, der nun heiliggesprochen ist.1 Im Jahr 1941 veröffentlichte Pater Hurtado ein kleines Buch unter dem Titel: Ist Chile ein katholisches Land? Ähnlich wie in Europa das ein wenig später veröffentlichte Buch von Godin und Daniel, Frankreich, ein Missionsland, schlug es ein wie eine Bombe. Pater Hurtado stellte die Frage, wie ein Land katholisch sein könne, das die großen Massen der Bauern und Arbeiter dem größten Elend preisgab. Er hatte viele Schüler und wurde zur treibenden Kraft eines sozialen Denkens und
auf Veränderung abzielenden Handelns der Katholiken nicht nur in Chile, sondern in ganz Lateinamerika. Seit den Vierzigerjahren gab es Priester und Laien, die sich mit den unterdrückten Volksmassen vertraut machten, das schreckliche
Unrecht anprangerten, deren Opfer diese Menschen waren, und im Sinne ihrer gesellschaftlichen Emanzipation arbeiteten. Von diesen Priestern wurden einige Bischöfe. Zu jener Zeit begegnete man Priestern, die sich für gesellschaftliche
Fragen engagierten, noch nicht mit Misstrauen: Sie konnten sogar Bischöfe werden, selbst wenn sie dieses Amt in keiner Weise herbeisehnten. So bildete sich eine Gruppe von Bischöfen heraus, die inmitten der Armen lebten und eine erneuerte christliche Botschaft für Lateinamerika verwirklichten. Dank der Gründung des CELAM (lateinamerikanischer Bischofsrat) im Jahr 1955
hatten diese Bischöfe die Gelegenheit, einander kennenzulernen, Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Und darüber hinaus hatte jeder einzelne von ihnen Gruppen von Priestern, Ordensleuten und Laien zur Seite. Das Haupt und Bindeglied der Gruppe war Manuel Larraín, der Bischof von Talca in Chile, der zusammen mit Dom Hélder Câmara den CELAM gründete.
Manuel Larraín wurde in einer der vornehmsten Familien Chiles geboren. Unter seinen Vorfahren gab es drei Staatspräsidenten. Sein Amt brachte ihn dazu, mit seiner Familie zu brechen. Er war überaus intelligent und hatte ausgezeichnete Führungsqualitäten. Er wurde nur deshalb nicht Erzbischof von Santiago, weil die gesamte chilenische Aristokratie dagegen opponierte. Doch er war der Vordenker der Bischofskonferenz. Er traf sich mit Dom Hélder Câmara, in dem er sofort eine außergewöhnliche Persönlichkeit erkannte. Dom Hélder war innerhalb der katholischen Kirche Brasiliens schlechthin alles, und alles war von ihm geprägt.
Manuel Larraín war in erster Linie ein Intellektueller, obwohl er über ein großes Empfindungsvermögen verfügte. Dom Hélder Câmara war in erster Linie intuitiv, er besaß jedoch eine außergewöhnliche Gabe für persönliche Kontakte und eine
stets wache Vorstellungskraft. Die beiden bildeten ein nahezu unmögliches Gespann. Zusammen schufen sie den CELAM, spielten beim ei ichtige Rolle auf dem
eine wichtige Rolle beim Konzil, vor allem auf dessen Fluren und innerhalb des lateinamerikanischen Episkopates. Sie beide bereiteten die Zweite Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín vor. Larraín wurde nur deshalb nicht der Präsident dieser Versammlung, weil er im Jahr 1966 tödlich verunglückte.
Neben Manuel Larraín und Hélder Câmara spielte jene Gruppe von Bischöfen eine herausragende Rolle, die die lateinamerikanische Kirche als eigene Entität gründeten. Erwähnt werden müssen hier: Leonidas Proaño aus Riobamba (Ecuador), der Bischof der Indios4; Samuel Ruiz aus San Cristóbal de las Casas (Mexiko), ebenfalls Bischof der Indios; Gerardo Valencia Cano aus Buenaventura (Kolumbien)5; José Dammert aus Cajamarca (Peru)6, der Reformator der gesamten peruanischen Kirche; Ramón Bogarin aus San Juan Bautista de las Misiones (Paraguay)7; Sergio Méndez Arceo aus Cuernavaca (Mexiko)8; Cândido Padín
aus Bauru (Brasilien)9; Santiago Benitez aus Asunción (Paraguay); Eduardo Pironio aus La Plata (Argentinien); Marcos McGrath aus Panama-Stadt. Dies waren die herausragendsten Führungsgestalten, die „Tenöre” sozusagen.
Neben ihnen, die von Anfang an dabei waren, müssen wir in Bezug auf Brasilien noch erinnern an Antonio Fragoso aus Crateús, José Távora aus Aracuja, Fernando Gomes dos Santos aus Goiânia. Und wir dürfen die Unterstützung von Kardinal Landázuri Ricketts, dem Erzbischof von Lima, und von Silva Henriquez, dem Erzbischof von Santiago de Chile, nicht vergessen.
Auf diese erste Generation folgte eine zweite, welche das Werk der ersten vertiefte. Hier müssen wir in erster Linie wegen ihres Einflusses in Brasilien und ganz Lateinamerika zwei Franziskanerkardinäle erwähnen: Kardinal Aloísio Lorscheider, der Präsident des CELAM war, die dritte Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopates in Puebla leitete und vor allem Erzbischof von
Fortaleza war12, und Kardinal Paulo Evaristo Arns, den Erzbischof von São Paulo. Sie hatten in Brasilien eine führende Rolle inne und schrieben zusammen mit Dom Hélder Câmara Geschichte. Ihr Zeugnis inspirierte Tausende von Priestern und Millionen von Gläubigen.
Aus der zweiten Generation müssen wir besonders auf die Märtyrer verweisen: an erster Stelle auf Oscar Arnulfo Romero, den Erzbischof von San Salvador, der vielleicht die repräsentativsteGestalt der neuen Kirche Lateinamerikas ist14; auf Juan Gerardi aus El Quiché und Guatemala-Stadt15; auf Enrique Angelelli aus La Rioja (Argentinien)16 und auf Carlos Horácio Ponce de León aus San Nicolas (Argentinien). Wir können noch hinzufügen, dass Gerardo Valencia in Kolumbien bei einem sehr mysteriösen und nie aufgeklärten Flugzeugabsturz starb. Außer den Märtyrern seien hier einige der verehrungswürdigsten Namen erwähnt. Mögen diejenigen, die nicht aufgeführt sind, mir vergeben, aber die Liste würde sehr lang ausfallen: aus Chile Enrique Alvear, Bischof von San Felipe und Weihbischof von Santiago17, und Fernando Ariztia aus Copiapó18. Aus Argentinien sticht ein Name besonders hervor: Jaime de Nevares aus Neuquén19. Aus Brasilien Pedro Casaldáliga aus São Feliz de Araguaia20, José Maria Pires aus
João Pessoa21, Luciano Mendes de Almeida aus Mariana22, Ivo Lorscheiter aus Santa Maria, Erwin Kräutler aus Xingu23, Tomás Balduino aus Goiás, Moacyr Grechi aus Porto Velho und Valdir Calheiros aus Volta Redonda. Aus Uruguay Carlos Parteli aus Montevideo. Aus Peru die Bischöfe der südlichen Andenregion, das heißt der Diözesen und Prälaturen mit einer indianischen Bevölkerungsmehrheit. Das Zweite Vatikanische Konzil bot diesen Bischöfen die Gelegenheit, einander zu begegnen und zu einem wahrhaft symphonischen Zusammenspiel zu kommen. Es ist bekannt, dass Papst Johannes XXIII. wünschte, man möge anerkennen, dass die Kirche eine Kirche der Armen sein müsse. Kardinal Lercaro hat darüber sehr bewegt gesprochen, doch die lateinamerikanischen kirchlichen Würdenträger erkannten sehr bald, dass die große Mehrheit des Konzils von diesem Thema sehr weit entfernt war. Es war unmöglich, dass das Konzil dazu gelangen würde, die Armut der Kirche zu definieren. Deshalb fand sich eine Gruppe von Bischöfen, die der Idee des Papstes folgen wollten, und traf sich regelmäßig in vertraulicher Atmosphäre in der Domus Mariae. Unter ihnen war eine bedeutende Anzahl aus Lateinamerika.
Am Ende des Konzils, am 16. November 1965, versammelte sich eine Gruppe von vierzig Bischöfen in der Katakombe von S. Domitilla in Rom und unterzeichnete den sogenannten Katakombenpakt der dienenden und armen Kirche. Später bekannten sich weitere Bischöfe ausdrücklich dazu.
Der Pakt brachte das Engagement der unterzeichnenden Bischöfe für ihre pastorale Sendung in ihren jeweiligen Diözesen zum Ausdruck. Wir geben hier einige der dreizehn Punkte dieses Paktes wieder.

„1. Wir werden uns bemühen, hinsichtlich Wohnung, Ernährung, Fortbewegungsmittel und all dessen, was daraus folgt, nach Art des gewöhnlichen Volkes zu leben. Vgl. Mt 5,3; 6,33f; 8,20. [...]

3. Wir werden weder bewegliche noch unbewegliche Güter, Bankkonten usw. in unserem eigenen Namen besitzen; sollte irgendein Besitz nötig sein, dann werden wir alles dem Eigentumstitel der Diözese oder der sozialen und karitativen Einrichtungen zuschreiben. Vgl. Mt 6,19–21; Lk 12,33f. [...]

5. Wir lehnen es ab, mündlich oder schriftlich mit Namen und Titeln bedacht zu werden, die Größe und Macht bedeuten (Eminenz, Exzellenz, Monsignore ...). Wir ziehen dagegen die evangelische Bezeichnung Vater vor. Vgl. Mt 20, 25–28; 23,6–11.

6. In unserem Verhalten und in unseren gesellschaftlichen Beziehungen werden wir das vermeiden, was den Eindruck erweckt, die Reichen und Mächtigen zu privilegieren, ihnen Vorrang oder auch nur irgendeinen Vorzug einzuräumen (z.B. das Aussprechen oder die Annahme von Einladungen zu Banketten, Einteilung nach Klassen bei Gottesdiensten). Vgl. Lk 13,12–14; 1 Kor 9,14.19. [...]

8. Wir werden alles Erforderliche von unserer Zeit, unserem Nachdenken, unserem Herzen, Hilfsmitteln etc. dem apostolischen und pastoralen Dienst für die Einzelnen und Gruppen von Arbeitern und wirtschaftlich Schwachen und Unterentwickelten widmen. Vgl. Lk 4,18; Mk 6,4, Mt 11,4f etc.

9. Im Bewusstsein der Erfordernisse der Gerechtigkeit und der Liebe sowie deren wechselseitigem Verhältnis werden wir die Werke der „Wohltätigkeit“ in soziale Werke auf der Grundlage der Liebe und Gerechtigkeit zu verwandeln versuchen. Vgl. Mt 25,31–46; Lk 13,12–14.33f.“

Der Geist von Medellín ist hier bereits vollkommen enthalten. Wie in Medellín sagen die Bischöfe an erster Stelle, zu welchem Engagement sie sich selbst verpflichten. Manuel Larraín erreichte bald nach Ende des Konzils von Papst Paul VI. die Durchführung einer neuerlichen Versammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín. Die Jahre 1965 bis 1968 waren der Vorbereitung dieser Versammlung gewidmet. Die Geschichte dieses Ereignisses wurde von Silvia Scatena erschöpfend erforscht.26 Allen Teilnehmern war sehr bewusst, dass es sich hierbei nicht um eine mechanische Anwendung der Konzilsdokumente handelt. Sie wussten, dass sie in diesem Augenblick die lateinamerikanische Kirche gründeten.

Die Herausforderung jener Zeit in Lateinamerika bestand in der Entdeckung des ungeheuren Elends, in dem die Armen lebten. Das Zweite Vatikanische Konzil lieferte der Versammlung die Grundlage, denn es rief die Kirche dazu auf, von den Zeichen der Zeit auszugehen. Die lateinamerikanischen Bischöfe nahmen tatsächlich die Zeichen der Zeit zum Ausgangspunkt. Deshalb war das grundlegende Thema der Versammlung die Armut, das heißt die Armut der Kirche und der Dienst an den Armen (vgl. Medellín 14: Armut der Kirche I.2, 6, 9; 4: Erziehung II.1; 7: Pastoral der Führungsschichten II.2).
Das Schlussdokument von Medellín hat keine Scheu vor dem Wort „Gerechtigkeit”. Dies ist ein Wort, das man bis dahin niemals in den Mund nehmen konnte. Es wurde von den Bischöfen und Priestern nicht akzeptiert. Wenn jemand dieses Wort benutzte, war er sogleich gebrandmarkt: Er war ein Extremist, ein Kommunist. Darüber hinaus wagen es die Bischöfe in Medellín, mehrmals das Wort
„Befreiung” zu benutzen, das Erschrecken hervorrief.
In Lateinamerika fand die Versammlung von Medellín enormen Widerhall. Es war in der Tat ein grundlegendes Ereignis. Seither teilte sich die Welt entlang zweier Optionen: für oder gegen Medellín.27 José Marins erforschte die Dokumente der Bischofskonferenzen oder von Gruppen von Bischöfen, die sich in den darauffolgenden zehn Jahren bis hin zu Puebla auf Medellín bezogen. Er führt 457
Dokumente an. Den ersten Platz nimmt Chile mit siebzig Dokumenten ein, dann kommt Bolivien mit 53, Brasilien mit 50, El Salvador mit 41, Kolumbien mit 33 und Argentinien mit 30.28
Natürlich waren die Reaktionen nicht immer zustimmend. Von Anfang an war die römische Kurie entschlossen, die Versammlung von Medellín zunichte zu machen, und entwickelte eine entsprechende Strategie. Die Schlüsselfigur für die
Ausführung der großen Manöver der Kurie war der junge kolumbianische Priester Alfonso López Trujillo. Innerhalb von vier Jahren wurde er zum Bischof, zum Generalsekretär der kolumbianischen Bischofskonferenz und zum Generalsekretär des CELAM ernannt. Seine Aufgabe war es dabei, den CELAM in seiner bestehenden Form zu zerschlagen und aus dem neuen CELAM die Waffe zu
machen, die Medellín ungeschehen machen sollte. Medellín rief bei den Geheimdiensten der USA ablehnende Reaktionen hervor. Es
gab den berühmten Bericht von Nelson Rockefeller, der die Gefahren der Neuorientierungen der Kirche in Lateinamerika beschwor. In Lateinamerika selbst waren die Reaktionen der herrschenden Klassen von Anfang an ablehnend, und sehr früh schon starteten die Medien eine Verleumdungskampagne, die viele Jahre lang anhielt. Die Militärdiktaturen grenzten sich von Medellín ab und erfuhren dabei innerhalb ihrer Länder einen unterschiedlichen Grad an Zustimmung. Der CELAM begann seine Offensive gegen Medellín, indem er die Idee verbreitete, Medellín würde falsch interpretiert. Der falschen Interpretation von Medellín wurden jene kirchlichen Bewegungen bezichtigt, die sich an den Lehren Medellíns orientierten. Der CELAM organisierte eine lateinamerikaweite Kampagne,
die die kirchlichen Basisgemeinden als Form der Politisierung von Kirche und einer Auslieferung der Kirche an den Marxismus denunzierte. Auf derselben Linie bewege sich auch das Konzept der „Kirche des Volkes” (Igreja popular), die sich im Gegensatz zur katholischen Kirche befinde. Sie sei eine schismatische Kirche.
Der CELAM unterstützte die Theorien, die Medellín mit den Bewegungen der katholischen Linken gleichsetzten, welche sich bald nach der großen Kulturrevolution [der 68er-Bewegung; Anm. d. Ü.] im Westen (Berkeley, Paris ...) und mit Bezug auf die kubanische Revolution gebildet hatte, deren Einfluss der Tod Che Guevaras noch verstärkte. So entstanden in Chile die „Christen für den Sozialismus”, in Argentinien die „Priester für die Dritte Welt” und kleinere Bewegungen in anderen Ländern.
Diese christliche Linke ging weder aus Medellín hervor noch suchte sie in Medellín irgendeine Grundlage. Sie konnte sich gelegentlich auf Medellín beziehen, doch ihre Ideologie war ganz anders. Sie waren aus einer anderen Welt heraus entstanden, das heißt aus der Linksentwicklung der christdemokratischen Bewegungen. Die Gegner Medellíns wollten die Versammlung diskreditieren, indem sie ihr die Verantwortung für das Entstehen dieser politischen Bewegungen der christlichen Linken zuschoben.
Der CELAM befand es für gut, Medellín in die Nähe dieser politischen Bewegungen zu rücken, so, als hätten diese ihren Ursprung in der Versammlung der Bischöfe. Darüber hinaus schrieben sie Medellín die neue volkstümliche Bibellektüre zu, welcher sie zum Vorwurf machten, die Bibel ihres religiösen Sinnes zu entleeren und aus ihr ein Revolutionshandbuch zu machen, und die neue Christologie, welche sich neu dem menschlichem Leben Jesu zuwandte, wurde aus diesem Grund bezichtigt, die Gottheit Jesu zu leugnen. Aus all dem leitete der CELAM die Notwendigkeit ab, an der Deutung von Medellín eine klare Korrektur vorzunehmen. Die vom CELAM veröffentlichten Dokumente zur Vorbereitung auf Puebla enthielten Alarmsignale. Sie erläuterten die Gefahr, die Medellín für die Kirche heraufbeschworen habe, und betonten die Dringlichkeit einer ernsthaften Korrektur.
Diese ganze Kampagne bewirkte eine starke Reaktion zur Verteidigung von Medellín. Die Bischöfe von Medellín lebten noch und sollten an der dritten Generalversammlung in Puebla teilnehmen. Sie ließen sich nicht einschüchtern.
In seiner Eröffnungsansprache in Puebla machte sich Papst Johannes Paul II. die Kritik und die Alarmrufe des CELAM zueigen. Das macht deutlich, dass diese Kritiken und Alarmrufe in Rom Konsens gewesen sein müssen. Doch andererseits bestand der Papst auf der sozialen Verantwortung der Kirche, und Kardinal Lorscheider griff als Präsident der Versammlung die Herausforderungen Medellíns auf. In Puebla gab es heftige Debatten, denn der Episkopat war zweigeteilt. Viele Texte enthalten Gemeinplätze ohne Bezug zum Hauptthema. Doch es wurden grundlegende Texte approbiert, die die Optionen von Medellín nicht nur aufgriffen, sondern noch stärker darauf beharrten. Insgesamt wurden die Aussagen Medellíns bekräftigt, wenn auch innerhalb eines ambivalenteren Kontextes.
Die römische Kurie verfügte über eine andere, langfristig wirkungsvollere Waffe – die Bischofsernennungen. Seit dem Ende des Pontifikates Pauls VI. tauchten Generationen von Bischöfen auf, die sich von den Bischöfen Medellíns radikal unterschieden. Sie wurden aufgrund ihrer Eignung für die Verwaltung und ihrer vorbehaltlosen Treue zur römischen Politik – und nicht nur zur rechten Glaubenslehre – ausgewählt. Gleichzeitig brachte die Rückkehr zur alten Priesterausbildung Generationen von Priestern hervor, denen die Veränderungen der Welt fremd waren. Medellín wurde von den Zeitgenossen dieses Ereignisses bewahrt, aber von den neuen Generationen ignoriert. Nach Puebla trat wahrhaftig die Kirche des Schweigens auf den Plan. Die Kirche hatte auf einmal abgesehen von der Wiederholung der alten Diskurse nichts mehr zu sagen. Tatsächlich konnten die Kirchenväter der lateinamerikanischen Kirche nicht ersetzt werden. Entweder sie, oder die Leere. Deshalb werden die Kirchenväter als unerschüterlicher Bezugspunkt jahrhundertelang bestehen bleiben.

Sie hatten alle Eigenschaften von Kirchenvätern:
1. Sie zeichneten sich durch eine offensichtliche Heiligkeit aus. Um nur ein Beispiel zu nennen: Dom Hélder Câmara lebte wirklich arm. Er wohnte in der Sakristei einer alten Kapelle aus der Kolonialzeit. Er hatte kein Auto und keine Hausangestellte. Er aß im Imbiss an der Ecke, wo auch die Arbeiter dieser Gegend ihre Mahlzeit einnahmen. Er öffnete selbst die Tür und empfing alle
Bettler, die vorbeikamen. Dom Hélder war ein Mystiker, der ständig in der Gegenwart Gottes lebte und Glaube und Hoffnung ausstrahlte. Er stand jede Nacht um zwei Uhr früh auf, um zu beten, und oftmals schrieb er seine Gebete nieder. Er hinterließ sechstausend Seiten mit Gebeten. Ein anderes Beispiel:
Leonidas Proaño wohnte in einem Exerzitienhaus, wo er zwei kleine Zimmer für sich in Anspruch nahm: eines für seine Bücher und eines für sein Bett. Er besuchte die Gemeinden der Indios, die im Elend lebten und so sehr unterdrückt waren. Er aß mit ihnen, er schlief bei ihnen. Wie sie kleidete er sich mit einem Poncho. Der einzige Unterschied war, dass er eine fünfundzwanzig Jahre alte Krawatte benutzte.
2. Sie hingen dem Evangelium in größtmöglicher Treue an, widmeten alle Minuten ihres Lebens diesem Evangelium, ohne jemals Zeit für ihre persönlichen Bedürfnisse zu reservieren.
3. Sie verstanden die Zeichen der Zeit in tiefer Weise und richteten ihr gesamtes Leben daraufhin aus, den Herausforderungen ihres Volkes zu entsprechen.
4. Sie wurden und werden immer noch von all denen, die sie kannten, als Heilige verehrt. Alle wurden sie von der Zivilgesellschaft und den kirchlichen Amtsinhabern verfolgt. Alle machten sie Zeiten der Verlassenheit durch. Alle mussten das Unverständnis der Mitbrüder ertragen. Sie kannten die Einsamkeit. Mehrmals habe ich Mons. Proaño sagen hören, wenn er von der Bischofskonferenz zurückkam, wo er sich für die Sache der Indios eingesetzt hatte: „Sie haben mich allein gelassen!” Doch heute sind sie nicht mehr allein.

José Comblin